Prompten als neue Designfähigkeit
Warum gutes Prompten erstaunlich nah an dem ist, was ich als Designerin sowieso tue.
Als ich anfing, regelmäßig mit KI-Tools wie Claude oder ChatGPT zu arbeiten, dachte ich, ich müsste eine neue Fähigkeit lernen. Etwas Technisches, etwas, das nichts mit Design zu tun hat. Nach ein paar Monaten habe ich gemerkt: Das stimmt so nicht. Gutes Prompten ist im Kern das, was ich als Designerin ohnehin die ganze Zeit mache.
Ein Prompt ist ein Briefing
Wer schonmal ein schlechtes Briefing bekommen hat, kennt das Ergebnis: Man rätselt, fragt nach, produziert etwas, das am eigentlichen Bedarf vorbeigeht. Ein Prompt ist nichts anderes als ein Briefing an ein sehr leistungsfähiges, aber eben auch sehr wörtlich denkendes Gegenüber. Je unklarer der Prompt, desto vager das Ergebnis. Klingt bekannt? Genau das kenne ich aus jedem Projekt mit Stakeholdern, die „einfach mal was Modernes" wollen.
Deshalb bringe ich beim Prompten dieselben Fragen mit, die ich auch an den Anfang jedes Designprojekts stelle: Wer ist die Zielgruppe? Was ist das Ziel? Welcher Ton, welcher Kontext? Was darf auf keinen Fall passieren? Ein Prompt ohne diese Antworten ist wie ein Briefing ohne Persona: Es kann funktionieren, ist aber Zufall.
Prompten ist keine neue Sprache. Es ist dieselbe Klarheit, die gutes Design schon immer gebraucht hat, nur an ein anderes Gegenüber gerichtet.
Iteration statt Einmalschuss
Der zweite Punkt, der mir vertraut vorkam: Der erste Versuch ist selten der richtige. Genau wie im Design gehe ich in Runden vor. Erster Entwurf, anschauen, was passt und was nicht, präziser nachfragen, nochmal. Wer erwartet, beim ersten Prompt das perfekte Ergebnis zu bekommen, hat wahrscheinlich auch noch nie einen ersten Entwurf in Figma für final gehalten.
Was mir dabei hilft, ist genau das Vokabular, das ich aus dem Design mitbringe: „Mehr Weißraum", „Das wirkt zu verspielt für die Zielgruppe", „Reduzier das auf die Kernaussage". Ich beschreibe kein Feature, ich beschreibe ein Gefühl und eine Wirkung. Das ist eine Sprache, die ich schon spreche.
Wo die Analogie endet
Ich will das nicht kleinreden: KI-Werkzeuge sind kein Ersatz für Urteilsvermögen. Sie erledigen nicht die eigentliche Design-Entscheidung, das Abwägen zwischen dem, was möglich ist und dem, was richtig ist. Genau da bleibt der Mensch gefragt. Die KI schlägt vor, ich entscheide. Das war schon beim Vibe Coding meiner Portfolio-Website so, und es gilt beim Prompten genauso.
Deshalb sehe ich Prompten auch nicht als Konkurrenz zu Design, sondern als weiteres Werkzeug im Kasten. Eins, das erstaunlich gut zu dem passt, was ich als Designerin sowieso kann: klar denken, präzise formulieren und wissen, wann etwas noch nicht fertig ist. :)