UX Design · · 7 Min. Lesezeit

Erst der Plan, dann das Gefühl: Navigationsarchitektur und Prototyping

Zwei Dinge faszinieren mich an UX besonders: wie man eine Struktur baut, in der sich Menschen nicht verlaufen, und wie man diese Struktur zum Leben erweckt, bevor eine einzige Zeile Code geschrieben oder eine No-Code-Plattform genutzt wurde. Über beide möchte ich hier schreiben, weil sie für mich untrennbar zusammengehören.

Wenn ich an einem Produkt arbeite, fange ich nie mit dem an, was schön aussieht. Ich fange mit der Frage an: Wo will der Mensch eigentlich hin, und findet er den Weg dorthin, ohne nachzudenken? Manche kommen mit einem klaren Ziel, andere wollen sich erstmal umschauen und dann geführt werden. Genau das ist Navigationsarchitektur. Sie ist das unsichtbare Gerüst, auf dem alles andere steht, das, was kein Laie bewusst wahrnimmt.

Warum Struktur vor Schönheit kommt

Eine wunderschöne Oberfläche rettet keine schlechte Struktur. Wenn jemand nicht versteht, wo er ist, wie er hierher kam und wie er weiterkommt, hilft kein noch so gutes Visual Design. Deshalb beginne ich mit der Informationsarchitektur: Welche Inhalte gibt es, wie gehören sie zusammen, und in welcher Hierarchie?

Ein Werkzeug, das ich dafür liebe, ist Card Sorting. Man gibt Menschen die einzelnen Inhalte in die Hand und lässt sie selbst gruppieren. Oft sortieren sie ganz anders, als ich es als Designerin getan hätte, und genau das ist Gold wert. Denn die Struktur soll ja für sie funktionieren, nicht für mich.

Gute Navigation merkt man nicht. Man merkt nur, wenn sie fehlt.

Aus dieser Struktur entstehen dann User Flows, die konkreten Wege, die jemand durch das Produkt nimmt. „Ich will von hier nach dort, welche Schritte liegen dazwischen?" Je weniger Schritte, je klarer jeder einzelne, desto besser. Hier entscheidet sich, ob ein Produkt sich leicht oder anstrengend anfühlt. Wenn Letzteres eintritt, kannst du dich schonmal vom Nutzer verabschieden.

Und dann: das Gefühl testen

Eine Struktur auf Papier kann perfekt aussehen und sich trotzdem falsch anfühlen, sobald man sie benutzt. Genau dafür ist Prototyping da. Für mich ist ein Prototyp kein hübsches Endprodukt, sondern ein Werkzeug zum Fragenstellen: Funktioniert dieser Weg? Verstehen Menschen diesen Button? Wo zögern sie? Finden sie ihr Ziel direkt? Wo suchen sie nach Informationen?

Ich arbeite mich dabei bewusst in Stufen vor:

  1. Lo-Fi zuerst. Graue Kästen, keine Farben, keine Details. So testet man die Struktur, ohne dass sich jemand am Design aufhängt, und ohne dass ich mich in Pixel verliebe, die vielleicht wieder fliegen. Was ich im Bootcamp gelernt habe: Gar nicht erst damit anfangen, einen einzelnen Button einzufärben, denn dann ist der Schritt nicht weit, die größeren Flächen gleich mit einzufärben. So ist man als Designerin, oder wenn man den Lo-Fi an ein Design-Team gibt, bereits voreingenommen.
  2. Dann Hi-Fi. Erst wenn die Struktur sitzt, kommen Farbe, Typografie und echte Inhalte dazu. Jetzt teste ich nicht mehr den Weg, sondern das Gefühl. Hierbei achte ich stark darauf, dass die Brand-Palette bewusst in saubere Farbprozente eingeteilt wird, so behält sie ihre Markenidentität.
  3. Testen, nicht raten. Ich gebe den Prototyp echten Menschen und schaue zu, ohne zu helfen. Das Schweigen, wenn jemand einen Button nicht findet, sagt mehr als jede Meinung. Wissen die Menschen sofort, wo sie sich befinden? Was sie auf dem jeweiligen Screen tun sollen? Wenn das nicht sicher ist: nochmal eine Runde drehen.

Warum beides zusammengehört

Navigationsarchitektur ist der Plan, Prototyping ist die Probe. Das eine ohne das andere ist riskant: Eine Struktur, die nie getestet wurde, ist nur eine Vermutung. Und ein Prototyp ohne durchdachte Struktur ist eine schöne Hülle ohne Fundament. Erst zusammen ergeben sie ein Produkt, das sich richtig anfühlt.

Und ehrlich gesagt: Es ist genau dieser Teil, das Gerüst bauen und es dann erwachen sehen, der mich an UX immer wieder begeistert und wirklich mein absolut liebster Part ist. :)

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